Neue Freundschaften entstehen längst nicht mehr zufällig an der Bushaltestelle – aber wer offen bleibt, findet sie trotzdem: im Malkurs, beim Sport oder über eine App.
Lisa S. hätte nie gedacht, dass sie einmal per App nach neuen Freundinnen suchen würde. Doch nun sitzt sie in einem Aachener Café, rührt gedankenverloren in ihrem Cappuccino und scrollt durch Nachrichten. Vor zwei Jahren zog sie für ihren neuen Job in die Kaiserstadt – mit ihrem langjährigen Partner an der Seite. Doch als die Beziehung zerbrach, war sie nicht nur allein – sie fühlte sich einsam. Und das war kein schönes Gefühl.
Während ihres Studiums war ihr Freundeskreis groß und beständig. Auch nach dem Umzug hielt sie den Kontakt zu alten Bekannten – zumindest in der Theorie. In der Praxis wurden Treffen seltener, Verabredungen blieben vage, und die Distanz tat ihr Übriges. Über die Arbeit entstanden auch keine engen Bindungen. „Natürlich kann man sich austauschen, aber ich wünsche mir auch Leute außerhalb der Arbeit“, sagt sie.
Lisa ist kein Einzelfall. Einsamkeit ist nicht nur eine individuelle Erfahrung, sondern auch eine kollektive Herausforderung. Laut dem „Einsamkeitsreport 2024“ der Techniker Krankenkasse fühlen sich 60 Prozent der Deutschen zumindest gelegentlich einsam. Besonders betroffen sind junge Erwachsene unter 40 Jahren: Hier liegt der Anteil bei 68 Prozent. Selbst in der Generation 60 plus gibt mehr als die Hälfte (52 Prozent) an, sich hin und wieder einsam zu fühlen.
Das zeigt: Einsamkeit betrifft viele – und ist dabei mehr als nur ein unangenehmes Gefühl. Sie birgt gesundheitliche Risiken. Das „Einsamkeitsbarometer 2024“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend belegt, dass chronische Einsamkeit zum Beispiel das Risiko für Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Die Aachener Psychotherapeutin Monika Koch erklärt: „Einsame Menschen leiden häufig unter sozialer Isolation, Ängsten, Überempfindlichkeit und Trauer. Sie neigen zu inneren Monologen und Tagträumen. Ein stabiles soziales Umfeld wirkt hingegen wie ein Schutzschild.“
Besonders nach den Zwanzigern verschiebe sich das Verhältnis zu Freundschaften. „Während man früher möglichst viele Freunde hatte, rückt mit dem Alter die Qualität der Beziehungen in den Fokus“, so Koch.
Swipen für die Freundschaft
Lisa erkannte schnell, dass sie aktiv werden musste, und suchte nach Lösungen. Dating-Apps kannte sie bereits – aber eine App speziell für platonische Kontakte? Das erschien ihr zunächst befremdlich. Doch warum eigentlich? Früher gab es Kontaktanzeigen für Brieffreundschaften, heute bieten digitale Wege neue Möglichkeiten.
Sie entschied sich für Bumble BFF – eine App, die ähnlich wie ihr Dating-Pendant funktioniert, jedoch gezielt für Freundschaften entwickelt wurde. Lisa erstellte ein Profil, wählte Fotos aus und beantwortete Fragen wie: Morgenmensch oder Nachteule? Lieblingsessen? Was tun, wenn der Tag eine Stunde länger wäre? Auch Suchradius und Altersspanne legte sie fest.
Bei Bumble BFF besteht außerdem die Option, nicht nur generell nach Freunden zu suchen, sondern auch nach Menschen für bestimmte Aktivitäten, seien es Konzerte, Sport oder einfach regelmäßige Spaziergänge mit dem Hund. Wichtig zu wissen: Bei Bumble BFF können sich nur Personen des gleichen Geschlechts anfreunden, Frauen sehen also Frauen und Männer eben Männer.
Digital gesucht, real gefunden
„Es hat etwas gedauert, aber inzwischen habe ich über die App zwei gute Freundinnen gefunden“, erzählt sie. Sie bleibt dran – nicht nur, weil sie positive Erfahrungen gemacht hat, sondern auch, weil sie weiß: Ohne die App hätte sie vermutlich niemanden angesprochen. Genau das fällt nämlich vielen schwer. Laut dem „Einsamkeitsbarometer 2024“ haben 28 Prozent der Deutschen Probleme, neue Kontakte zu knüpfen. Bei den unter 40-Jährigen sind es sogar 34 Prozent.
Wer besonders schüchtern ist, findet auch in einer Therapie Hilfe. „Schüchterne Menschen können oft ganz wunderbar zuhören. Ihnen fällt es im Gegenzug aber schwer, über sich selbst zu sprechen, sich zu präsentieren oder auf andere Menschen zuzugehen“, weiß Monika Koch.
Soziale Netzwerke und eben Apps wie Bumble BFF erleichtern die ersten Schritte, erzeugen aber oft auch das Gefühl von Oberflächlichkeit und Unzuverlässigkeit. „Das Internet ist flüchtig, kann aber auch eine wunderbare Möglichkeit fürs Netzwerken bieten. Ich selbst nutze Xing und Linkedin gern für fachlichen Austausch“, erzählt die Expertin.
Aufpassen müsse man trotzdem: „Über Messenger-Apps und Social Media kann man unkompliziert mit anderen in Kontakt bleiben. Viele leiden aber dennoch darunter, sich trotz der digitalen Kommunikation nicht zugehörig zu fühlen.“ Wer ständig connected ist, fühlt sich also paradoxerweise oft einsamer denn je. Weil in diesem Fall Nähe simuliert wird – aber nicht gespürt. Dann ist es wichtig, den digitalen Austausch in die Realität, in ein echtes Treffen zu übersetzen.
Freundschaft to go
Neben Apps fürs Freundefinden wächst auch ein Offline-Konzept rasant: Walk-&-Talk-Treffen. In vielen Städten gibt es Gruppen wie den „FFM Girls Walk“ in Frankfurt, die „Munich Girls Talking Walking“ oder den „Ladies Stroll“ in Hamburg. In Aachen ist es die Gruppe „Aachen Girls Talking & Walking“ (AGTW). Die Idee ist einfach: Man verabredet sich mit Fremden zum Spaziergang – und redet. Keine Kaffeeverabredung mit unangenehmen Pausen. Kein ewiges Chatten, bis das Treffen doch nicht zustande kommt. Einfach loslaufen und ins Gespräch kommen. Wer teilnehmen möchte, findet Terminankündigungen auf dem dazugehörigen Instagram-Account.
In Aachen gibt es darüber hinaus viele Möglichkeiten, sich laufend oder sportlich kennenzulernen. Die Gruppe „Lauf doch mit“ trifft sich jeden Montag um 18.30 Uhr am Parkplatz Hangeweiher. Auch der Runfree-Lauftreff am Hochschulsportzentrum ist eine gute Option, und es finden sich schnell passende Laufgruppen über die RWTH Aachen – von Anfängerrunden bis zu ambitionierten Trainings. Auch eine schöne Idee, die sich gerade weiterentwickelt: die Initiative „Begegnungsbänke“ der Stadt Aachen und der „Aachen, was geht?!“-Community. Die gelb markierten Sitzgelegenheiten fördern so den Austausch zwischen Fremden.
Malen gegen das Alleinsein
Kunst hat die wunderbare Eigenschaft, Menschen miteinander zu verbinden – oft ganz ohne große Worte. In Aachen gibt es zahlreiche Angebote, die genau das ermöglichen. In der Bleiberger Fabrik etwa treffen sich Menschen zum Töpfern, für Ölmalerei oder um das Schweißen zu erlernen. Die großzügigen Räume und die vielseitige Kursauswahl schaffen einen offenen Rahmen, in dem sich nicht nur Kunstwerke, sondern neue Freundschaften entwickeln.
Auch die Volkshochschule Aachen bietet ein breites Spektrum an kreativen Workshops. Wer regelmäßig teilnimmt, merkt schnell: Kunstkurse sind nicht nur eine Möglichkeit, Techniken zu erlernen, sondern auch eine Brücke zu neuen Bekanntschaften. Für junge Kunstinteressierte lohnt sich der Blick zum Ludwig Forum für Internationale Kunst. Auch das Helene-Weber-Haus bietet kreative Kurse, etwa in Handlettering, Nähen, Malen für Anfänger und Fortgeschrittene, Gitarrespielen oder Kalligrafie.
Und damit nicht genug: Das soziokulturelle Zentrum Meffi.s ist einen Blick wert. Ab September gibt es zum Beispiel ein Schreibcafé, fortlaufend Brettspieleabende, Zeichenkurse und vieles mehr. Ebenso spannend ist Café & Bar zuhause mit Stricktreff, Kneipenspieleabend oder Craftbier-Tasting.
Auch ein schöner Ort für Kreativität ist Weyers-Kaatzer, ein Schreibwarenladen. Neben Papier, Pinseln und Farben gibt es hier Workshops für Handlettering, Aquarellmalerei und andere künstlerische Techniken. Eine weitere Möglichkeit ist Allys Kreativwerkstatt. Hier werden Workshops zu Acrylmalerei, Handlettering und Sticken angeboten.
Besonders locker geht es dann bei Drink-&-Paint-Veranstaltungen und den ArtNights zu. In kleinen Gruppen entstehen unter Anleitung Bilder. Es wird gemalt, geredet und gelacht. Kunst ist hier nicht nur ein kreatives Hobby, sondern ein gemeinsames Erlebnis. Wer eine Begleitung für eines der Events sucht, kann sich vorab in der Facebook-Gruppe „Neu in Aachen und nun?“ umschauen oder eine Aktivität über Spontacts erstellen.
Wie Gespräche beginnen
Ein Gespräch zu beginnen, fühlt sich oft an wie ein Sprung ins kalte Wasser. Und doch: Fast jede Freundschaft beginnt genau so – mit einem einzigen Satz. Wer offen ist, aufmerksam zuhört und echtes Interesse zeigt, hat gute Chancen. Am leichtesten fällt der Einstieg, wenn sich aus der Situation ein natürlicher Gesprächsanlass ergibt. Wer beispielsweise mit dem Hund im Park unterwegs ist, lernt andere Halter oft fast automatisch kennen.
Auch Eltern kommen schnell ins Gespräch, wenn ihre Kinder gemeinsam spielen. Zwischen kurzen Kommentaren, ersten Fragen und gemeinsamen Lachern entsteht Kontakt – ohne großes Drumherum. Offene Fragen helfen dabei. „Was spielt ihr heute?“ oder „Was mögen deine Kinder besonders gern?“ schaffen Raum, ohne zu überfordern.
Wenn die Chemie stimmt, kann man Nummern austauschen – oder gleich ein weiteres Treffen vereinbaren. Freundschaft wächst durch Wiederholung, durch Nähe im Alltag, durch geteilte Zeit. Und sie braucht Geduld. Nicht jeder erste Kontakt wird ein Volltreffer. Aber manchmal reicht es schon, jemanden zum Spazierengehen zu haben. Alles andere ergibt sich – oder eben nicht. Und beides ist okay.
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