Podcasts: Aachen auf die Ohren

Während Bildschirme um unsere Aufmerksamkeit buhlen, ist ein Medium auf Siegeszug: Audio. Podcasts sind ein Massenphänomen. Ein Streifzug durch eine Region, die auf der Tonspur unterwegs ist.

Aachen, 8.15 Uhr, Monheimsallee. Es ist ein Bild, das die moderne Mobilität prägt: Autos, die sich nicht bewegen. Die Kolonne der Berufspendler steht im Stau – in Aachen kostete er im Jahr 2024 rund 36 Stunden. Doch der Stillstand hat seinen Schrecken zumindest teilweise verloren. Laut einer Erhebung des Branchenverbands Bitkom ist das Auto für 44 Prozent der Befragten zum bevorzugten Ort fürs Hören von Podcasts geworden. Nachrichten, Politik und Wirtschaft sind die gefragtesten Themenbereiche. Doch was hören denn eigentlich die Öcher gern? Wir haben uns bei mehreren Podcastmachern in der Region umgehört: im Medienhaus Aachen, in der Uniklinik RWTH Aachen und in der psychologischen Praxis von Sema Abaci.

So klingt die „Aachener Zeitung“

Die Dresdener Straße in Aachen, am Puls des lokalen Journalismus. Wo über Jahrzehnte das Tippen auf Tastaturen den Takt angab, hat sich die Kulisse zum Teil gewandelt. Heute leuchten hier auch rote On-Air-Lampen. Peter Engels, der Audiomanager des Medienhauses Aachen, blickt auf eine unbestreitbar erfolgreiche Zeit zurück. „Wurde uns anfangs noch öfter die Frage gestellt, ob Audio bei der Zeitung denn wirklich wichtig sei, ist das Thema längst zur Selbstverständlichkeit geworden“, resümiert er.

Für die „Aachener Zeitung“ sind Audio und Video keine bloßen „Add-ons“, sie sind feste Bestandteile der medialen DNA. Und in einer Ära, in der Nutzer Inhalte schneller und direkter konsumieren wollen, geht die Rechnung des Verlags auf: Nähe durch Hören und Sehen. Die Stärke der Aachener liegt unter anderem in den Helden der Region. Der Fußballpodcast „You never talk alleng“ generiert bis zu 20.000 Plays im Monat.

Anklang in der Literaturszene

Doch die Ambitionen reichen über das Lokale hinaus. Mit dem Literaturpodcast „Auslese“ beweisen Chefredakteur Thomas Thelen und Redakteurin Andrea Zuleger, dass das Medienhaus auch im überregionalen Feuilleton punkten kann. Das Format hat sich in der literarischen Szene etabliert und landet regelmäßig in nationalen Rankings auf den vordersten Plätzen – ein klarer Beweis für die Reichweite jenseits der Domstadt.

Inmitten all der aktuellen Themen hält sich ein überraschender Dauerbrenner, der tief in die Abgründe der Region blickt: „Narcoland – das Meth-Kartell im Dreiländereck“. Die fünfteilige True-Crime-Reihe war der erste Podcast der „Aachener Zeitung“ und erzeugt selbst mehrere Jahre nach seiner Veröffentlichung ein stetiges Grundrauschen. Mit bis zu 60.000 Plays jährlich beweist die Reihe: Gute Geschichten verjähren nie.

Der Erfolg trug Früchte: Ende 2024 lancierte der Verlag „Akte Grenzland“, ein Format, das sich Verbrechen, Cold Cases und anderen Kriminalfällen in den Kreisen Aachen, Düren und Heinsberg widmet. „Die Produktion hat sich schnell zum Leuchtturm unserer Podcasts entwickelt“, konstatiert Engels. Die Resonanz sei überwältigend und liefere unzählige Vorschläge zu Folgen über historische Kriminalfälle. Daher blickt Engels voraus: „Wir planen für 2026 einige History-Crime-Folgen.“ Eine weitere spannungsgeladene Produktion ist in Planung, erneut in Kooperation mit Alexander Gutsfeld, jenem journalistischen Kopf, der hinter dem Erfolg von „Narcoland“ steht.

Das wachsende Portfolio erfuhr 2025 eine strategische Ergänzung: einen täglichen News-Podcast, der bewusst als Audio- und Videoformat konzipiert wurde. Und gerade die Bewegtbildkomponente – exklusiv auf www.aachener-zeitung.de zu sehen – entpuppte sich schnell als Reichweitenturbo. Gute Qualität muss dabei nicht zwangsläufig riesige Ressourcen verschlingen. Der Audiomanager betont einen essenziellen Lerneffekt: „Qualitativ gute Podcasts und Audiobeiträge können auch mit einem sehr kleinen Team entstehen.“ Aktuell arbeiten im Schnitt lediglich zwei bis drei Kollegen an einer Folge.

Visite mal anders

Szenenwechsel. Wir verlassen den Verlagsbereich und betreten eine Stadt in der Stadt: die Uniklinik RWTH Aachen. Ein Universum aus Stahl, Glas und Beton, in dem rund 9000 Menschen arbeiten. Es ist ein Ort der Spitzenmedizin, der allein aufgrund seiner Größe unnahbar wirken kann. Doch genau dieser Komplex soll eine Seele bekommen.

In der Kommandozentrale dieser Transformation steht Mathias Brandstädter, Leiter der Unternehmenskommunikation. Angesichts veränderter Mediennutzung und neuer Kommunikationswege brauchte es andere Werkzeuge, um die Themen des Klinikums für interne und externe Hörerinnen und Hörer in den Fokus zu rücken. Audioformate wie „Faszination Medizin“ und „Schichtwechsel“ lüften den Vorhang des Krankenhausbetriebs und geben einen unverstellten Einblick in die Gesundheitsversorgung.

Die Mitarbeiter selbst – von der Koryphäe bis zur angehenden Fachkraft – sprechen hier über ihre Arbeit und Erkenntnisse. In „Faszination Medizin“ erklärt Professorin Carolin Schneider etwa, wie Big Data, KI und Datenanalyse die Vorhersage von Krankheiten revolutionieren. Die klinische Psychologin Ira-Katharina Petras klärt über den bewussten Umgang mit Medien im Kindesalter auf. Und Professor Thorsten Cramer verdeutlicht die existenzielle Bedeutung der Ernährung für den Verlauf chronischer Leiden.

Parallel dazu lenkt „Schichtwechsel“ den Blick auf die nächste Generation: Auszubildende berichten über ihre Berufsentscheidung. Man hört die angehende Logopädin Noëlle Walter über die Macht der Sprache reden oder Mine Kleer über ihre Ausbildung zur Medizinischen Technologin für Laboratoriumsanalytik. Der Erfolg gibt dem Konzept recht: Die Uniklinik verzeichnete bereits rund 64.000 Downloads und Streams.

Neuer Blick auf die Uniklinik

Doch die wichtigste Währung ist vielleicht gar nicht die Klickzahl, sondern das Binnenklima. Viele Zuhörer arbeiten selbst in der Uniklinik und sehen ihre Kollegen über den Podcast in einem neuen Licht. Es entsteht eine Art akustische Kantine. Produziert wird das Ganze in Eigenregie, aber wunderbar authentisch: mit einem mobilen Podcastrekorder, hochwertiger Technik und eigenem Schnitt. Es ist dieser „Charme des Selbstmachens“, der im Jahr 2026 gut ankommt. Für die Zukunft plant Brandstädter erzählerische Formate, die die Geschichten der Menschen länger verfolgen.

Warum aber suchen wir gerade jetzt so intensiv nach diesen Stimmen? Warum boomen unter anderem psychologische Podcasts? Sema Abaci, Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie Burn-out- und Resilienzberaterin mit eigener Praxis auf der Lütticher Straße, liefert eine Erklärung. „Die meisten Menschen tragen unheimlich viele Fragen mit sich herum, haben aber wenig geschützte Räume, in denen sie darüber sprechen können“, erläutert sie. Der Weg in eine Praxis ist oft weit, die Wartezeit lang. Der Podcast ist sofort da.

Er sei „eine erste, sehr niedrigschwellige Möglichkeit“, sich mit sich selbst zu befassen – ganz anonym. Außerdem sehe die Lebensrealität vieler Menschen so aus, dass sie permanent unterwegs seien – zwischen Job, Familie und Verpflichtungen. „Ein Podcast passt in diese Zwischenräume“, meint die Expertin. Der psychologische Effekt des Zuhörens sei außerdem enorm. Wenn in einer Episode beschrieben wird, wie sich Panik oder Scham anfühlt, entsteht oft ein Moment der Erlösung. Dieses Gefühl, nicht „komisch“ oder allein zu sein, entlastet und normalisiert. Es ist Psychoedukation „to go“, eine Art verlängertes Sprechzimmer, das einen beim Spaziergang im Aachener Wald oder auf dem Weg zur Arbeit begleitet.

Podcast als Brückenbauer

Doch die Expertin warnt auch. „Ich habe in einem Podcast gehört, dass … Also stimmt mit mir wohl etwas nicht“: Dieser Satz komme ihr oft zu Ohren. Wer zu viel konsumiert, läuft Gefahr, sich permanent analysieren zu wollen. Für die Psychologin sind Podcasts daher eher vergleichbar mit einer Brücke: Sie ersetzen keine Therapie, aber sie bereiten den Boden und normalisieren. Dadurch machen sie es leichter, zu sagen: Ich bin überlastet.

Laut der Coachin sind Themen rund um Stress und Erschöpfung sehr gefragt. „Der Grund ist simpel: Unser Alltag ist voll, die Ansprüche an uns selbst sind hoch“, sagt sie. Auf der Agenda psychologischer Podcasts stehen auch Beziehungsthemen und der Umgang mit dem eigenen Ich – also Selbstwert, Selbstkritik, Scham oder Perfektionismus. Wer Sema Abaci zuhören möchte, findet ihren Podcast „So geht glücklich“ auf Apple Podcasts, Spotify und Co.

Zusätzlich hat sie ein Buch veröffentlicht: „Emotional erschöpft“. Für sie gehören Buch und Podcast zusammen: Das eine biete Tiefe und Struktur, der andere bringe das Ganze in eine lebendige, gesprochene Form. Und auch die RWTH Aachen bietet mit dem „Psy-Talk“ zum Beispiel Studenten Hilfe bei Einsamkeit, beim Umgang mit Misserfolgen, Prüfungsangst oder Zeitmanagement.

Insgesamt umfasst das Aachener Audiouniversum eine große Themenvielfalt. Auch Akteure der kommunalen Politik nutzen es für Transparenz und Bürgernähe. Podcasts wie „Grüne Welle Aachen“ und „Ratsgeflüster Aachen“ greifen aktuelle Debatten von Verkehr bis Stadtplanung auf. Das Engagement basiert auf dem Verständnis fürs Medium: Podcasts erzeugen parasoziale Intimität. Die Stimme schafft ein „Ich kenne die doch irgendwie“-Gefühl. In einer Welt, in der das Vertrauen in traditionelle Kanäle schwindet, schließt Audio eine Lücke. Von der Medizin über Rathauspolitik bis zu Reitsport mit dem CHIO: In Aachen hat man verstanden, dass der beste Weg zum Publikum oft über den Kopfhörer führt.

Podcasts aus der Welt der Medizin

Interview mit Mathias Brandstädter, Pressesprecher der Uniklinik RWTH Aachen.

LOGO!: Herr Brandstädter, warum gerade ­Podcasts?
Mathias Brandstädter: Krankenhausserien gibt es nicht umsonst. Themen wie Krankheit, Angst, Sorge, aber auch bahnbrechende Wissenschaft und Forschung bieten eine riesige Schnitt­menge zu packenden Geschichten.
LOGO!: Und was ist das Ziel der Formate?
Brandstädter: Die Uniklinik RWTH Aachen setzt damit ganz bewusst auf den Faktor Mensch, blickt hinter die Kulissen und beleuchtet die ­persönlichen Dimensionen der Arbeit im Haus. Das schafft Nähe.
LOGO!: Was kennzeichnet das Konzept hinter den Podcasts?
Brandstädter: Ich bin selbst nicht vom Fach, ich darf ganz unbedarft nachfragen. Diese scheinbar naiven Fragen dienen als didaktische „Rampen“, über die Hörer spielerisch Zugang zu hochkomplexen medizinischen Welten finden.
LOGO!: Welchen Effekt hat das Format auf das Miteinander im Klinikum?
Brandstädter: Man sieht die Menschen mit an­deren Augen, wenn man ihre Geschichte kennt. Der Podcast schafft eine neue Form der Nähe, und man lernt sich über die Professionen hinweg kennen.
LOGO!: Hören Sie auch privat Podcasts – außer Ihren eigenen?
Brandstädter: Natürlich. Ich favorisiere den ZDF-Podcast „Lanz und Precht“, in dem Markus Lanz und Richard David Precht gesellschaftlich relevante Themen diskutieren.

Fotos: iStockphoto

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