Künstliche Intelligenz – der neue beste Freund

Im November 2022 erblickte Chat-GPT, entwickelt von dem US-Unternehmen Open AI, das Licht der Welt. Heute hilft Chat-GPT bei der Arbeit, die KI ist Stilberater, Ernährungscoach, Interiordesigner, Grußkartengestalter und vieles mehr.

Künstliche Intelligenz steuert schon lange zahlreiche Prozesse, war bisher aber weniger sichtbar. „Ich habe früher hobbymäßig Musik gemacht. Für das Mischen der Songs oder das Verändern von Tonhöhen war damals bereits KI im Einsatz“, erzählt Burkhard Kaufhold. Der KI-Experte arbeitete über 35 Jahre in der IT und teilt sein Wissen heute in seinem Blog ­KI-im-alltag.de. Im August 2024 veröffentlichte er einen Praxisratgeber mit dem Titel „Du und die KI“, in dem er auf die verschiedenen Arten von künstlicher Intelligenz eingeht und ihre Einsatzmöglichkeiten erklärt. Nicht nur Musik wird per KI optimiert. Sie hilft beim Googeln, Spamfilter funktionieren wie eine digitale KI-Putzkolonne, Alexa und Siri kommunizieren über sie mit ihren Nutzern, und auch KI-gestützte Navigationssysteme, Übersetzungsprogramme und Werbeanzeigen nutzen sie. Wirklich wahrgenommen wird künstliche Intelligenz aber erst seit der Einführung von Chat-GPT. Laut dessen Entwickler Open AI nutzen über 200 Millionen Menschen den Chatbot.

Die Antwort darauf, warum es gerade Chat-GPT so weit gebracht hat, liegt in der Anwendbarkeit: ein simples Interface, kostenloser Zugang zur Basis­version und der Fokus auf praktischem Nutzen. Wer Chat-GPT als App auf dem Smartphone hat, kann seine Fragen sogar einsprechen. In den Chatbot integriert ist zudem Dall-E, ein Text-zu-Bild-Generator, der auf Basis von Beschreibungen Bilder entwickelt – von filigranen Skizzen bis zu persönlichen Motiven für die Geburtstagskarte der siebenjährigen Nichte.

Simpel, smart und gut

„Das ist ein bisschen mit dem Google-Boom vergleichbar: Für ein qualitativ gutes Ergebnis ist ganz wenig Einsatz erforderlich“, begründet Kaufhold den ­Hype. Früher seien vergleichbare Technologien umständlich zu bedienen und teuer gewesen, heute könne man für 20 Euro im Monat viel machen – mit wenig Vorwissen. Markus Hahmann, Geschäftsleiter des Grün IT Clubs aus Aachen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Teilhabe älterer Menschen am digitalen Leben zu erleichtern. Der Grün IT Club funktioniert tatsächlich wie ein Klub, für 249 Euro Jahresbeitrag können Mitglieder unbegrenzt auf alle Leistungen zugreifen, angefangen bei der Hotline-Beratung über den Home- und Reparaturservice bis zu Schulungen und Klubtreffen rund um den Umgang mit PC, Tablet und Smart­phone. Zudem wird im Rahmen der Klubaktivitäten über KI aufgeklärt und dabei unterstützt, in die Nutzung einzusteigen. Markus Hahmann ist überzeugt, dass Chat-GPT auch deshalb so beliebt ist, weil es fast alles versteht. „Die älteren iPhones arbeiteten nur dann korrekt, wenn Sprachbefehle genau die Begriffe enthielten, die sie gelernt hatten. Mit Chat-GPT kann man Plattdeutsch sprechen, der Bot versteht alles“, sagt er. Außerdem sei Chat-GPT die „eierlegende Wollmilchsau, die für alles einsetzbar ist“.

 

Ein per KI generiertes Bild eines Hauses. Dieses entstand wie die anderen Motive dieses Artikels Anfang 2025 - seitdem hat sich die Technik enorm weiterentwickelt.
Ein per KI generiertes Bild eines Hauses. Dieses entstand wie die anderen Motive dieses Artikels Anfang 2025 – seitdem hat sich die Technik enorm weiterentwickelt.

Chat-GPT kennt Rezepte für die letzten fünf Zutaten im Kühlschrank, kann Serien, Filme, Bücher zusammenfassen und durch Dall-E sogar die Merkmale verschiedener Kunststile visualisieren. Und das sind nur einige Alltagsbeispiele, für die sprachbasierte KI genutzt wird. Anscheinend kann man sich sogar in eine KI verlieben, wie die App Replika zeigte, die über zehn Millionen Menschen nutzen. Damit erstellt man einen Avatar, mit dem man sich per Chat unterhalten kann – als Freund oder als Partner.

Immer erreichbar

Die Bots stellen keine Ansprüche, widersprechen nicht, sind immer erreichbar. Und die Gespräche mit ihnen haben nicht zwingend nur Nachteile, sie können soziale Ängste abbauen und zwischenmenschliche Interaktion trainieren. Mit Wysa, ­einem kleinen KI-Pinguin, soll man über seine ­Gefühle und Gedanken sprechen können. Er bietet wiederum psychologische Hilfe an. Vom Gesundheitsministerium in Singapur wurde Wysa der Bevölkerung sogar kostenlos zur Verfügung gestellt, und in Großbritannien konnten Menschen, die auf einen Therapieplatz warteten, die Zeit mit Wysa überbrücken. Allerdings: Bei komplexeren Problemen antwortet der Bot lediglich mit Floskeln.

Bei all den Beispielen erweckt KI oft den Eindruck, echte Emotionen zu haben. Dazu Burkhard Kaufhold: „Es mag so aussehen, als ob die KI uns versteht, aber sie ist immer noch eine schwache künstliche Intelligenz. In vielen Fällen ist sie auf bestimmte Aufgaben und Probleme spezialisiert und arbeitet nach festgelegten Algorithmen und Regeln.“ Chat-GPT zum Beispiel basiert auf einer großen Menge gesammelter und trainierter Daten. Die Algorithmen beziehungsweise das Sprachmodell berechnen dann die Wahrscheinlichkeit von Wörtern oder Sätzen. „Eine starke künstliche Intelligenz würde über menschen­ähnliche Fähigkeiten wie Lernen, Problemlösen und das Treffen von Entscheidungen verfügen. Sie wäre vom menschlichen Verstand kaum zu unter­scheiden. So weit sind wir noch nicht“, so der Experte. Das zeigen auch die inhaltlichen Fehler, die Chat-GPT ausspuckt. „Oft klingen die Antworten plausibel und sind gut formuliert, obwohl es sich um frei ­erfundene Behauptungen handelt“, konkretisiert Markus Hahmann.

Sinn und Unsinn

Wie sehr man mit dem Chatbot aufpassen muss, zeigt der Fall eines New Yorker Anwalts, der im Mai 2023 Schlagzeilen machte. Er nutzte zur Recherche Chat-GPT. Ein von ihm eingereichter Antrag enthielt Verweise auf etliche Fälle, die es so nie gegeben hatte. Andererseits bestand die KI die Abschlussprüfung des Studiengangs Master of Business Administration. Das hatte Christian Terwiesch von der ­University of Pennsylvania getestet. Und auch in Deutschland, an der Universität Siegen, überprüften Lehrkräfte, ob die KI drei vollständige Kryptografieprüfungen bestehen könnte. Das Ergebnis: ja. Schwächen zeigte der Bot bei Aufgaben, bei denen die Studenten selbst aktiv werden müssen, beispielsweise, um etwas zu programmieren. „In neun von zehn Fällen sind die Antworten von Chat-GPT richtig. Man darf nur nicht abstumpfen und nichts mehr hinterfragen“, resümiert Hahmann.

Bilder im Aachen-Look sind leicht zu erzeugen. Dieses entstand mit Dall-E - heute schon veraltet.
Bilder im Aachen-Look sind leicht zu erzeugen. Dieses entstand mit Dall-E – heute schon veraltet.

Der Experte erklärt, dass der Bot immer dann fantasiere, wenn er zu wenig gesicherte Informationen finden könne. Beispielsweise muss man sich aber ­etwa bei Fragen aus den Bereichen Gesundheit oder Recht auf die Richtigkeit der Antworten verlassen können. Heute gebe es, so Burkhard Kaufhold, bereits ganze Blogs, die ausschließlich aus KI-generierten Texten bestünden. Und wenn Chat-GPT dann wiederum darauf zurückgreife, um zu lernen, werde das System mit immer neuen Fehlern gefüttert. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt er. Für eine verlässlichere Recherche sei es ratsam, sich von Chat-GPT Quellenverweise geben zu lassen. Noch besser geeignet für faktenbasierte Informationen sei Perplexity. Der Chatbot des KI-Start-ups Perplexity AI sei mehr eine Antwort- als ­eine Suchmaschine. Anstatt sich durch verschiedene Websites klicken zu müssen, liefert Perplexity gesuchte Informationen gebündelt und aufbereitet in Textform inklusive der Quellen.

KI kreativ einsetzen

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, probiert sich mit Chat-GPT in einem weniger kritischen Anwendungsumfeld aus, denn gerade im Alltag kann die KI sehr nützlich sein. „Im Privaten geht mit Chat-GPT alles: von Lerninhalten bis hin zu Amüsement“, sagt Markus Hahmann. Wer zum Beispiel eine ausgefalle­nere ­Geburtstagsparty für die Kinder plant, seine Wohnung umgestalten möchte oder nach Inspiration für originelle Geldgeschenke sucht, bekommt von der KI kreative Ideen und Konzepte ­geliefert.

Auch beim Schreiben von ­Reden, witzigen Social-Media-Posts, liebevollen Gedichten, charmanten Grußkarten oder professionellen E-Mails leistet der Bot sehr gute Arbeit. Laut Hahmann ist außerdem wertvoll, dass Chat-GPT neue Perspektiven ­biete. „Man bewegt sich oft in einer ­Bubble und konsumiert nur noch ­Inhalte, die die eigene Meinung spiegeln. Noch biedert sich Chat-GPT nicht an, deshalb eröffnen die ­Antworten oft einen neuen Blickwinkel auf bestimmte Themen“, ­betont der Experte.

Vom Wort zum Prompt

Bei der Unterhaltung mit der KI kommt es auf die sogenannten Prompts an. Das können Fragen, Aussagen oder Sätze sein, die den Kontext oder das gewünschte Thema angeben. Chat-GPT erfasst diesen Prompt und generiert ­eine Antwort. Wichtig ist, Prompts kurz und klar zu formulieren. Hilfreich kann es auch sein, Chat-GPT eine konkrete Rolle oder Funktion zuzuweisen, beispielsweise die des Fitnesscoachs oder der Stilberaterin. „Es ist ein echter Hype um Prompts entstanden, dabei ist in erster Linie wichtig, dass diese simpel und verständlich geschrieben sind. Man sollte keine Wissenschaft daraus machen und sich lieber step by step an das gewünschte Ergebnis herantasten“, rät Kaufhold. Angenommen, eine Dame Ende 40 wünscht sich einen von Dall-E visualisierten Vorschlag für ein Outfit als Hochzeitsgast. Sie schreibt: „Zeig mir bitte ein schönes Outfit für eine Hochzeit“, und bekommt Looks für das Brautpaar selbst vorgeschlagen. Dall-E wusste nicht, wer die Dame ist. Besser wäre, wenn der Maschine Kontext und alle wichtigen Informationen mitgegeben würden.

Zwei Männer im Dialog. Auch dieses Bild geht heute schon besser.

Wichtig ist laut Kaufhold, im Hinterkopf zu behalten, dass die KI auch Unsinn produzieren könne. Daher solle man die Tools nur als Werkzeug sehen, nicht als Ersatz für Eigenleistung. Und durch diese Brille wirkt künstliche Intelligenz weniger bedrohlich, gerade in Bezug auf den Job. „Veränderungen gab es schon immer. Es gab die Industrialisierung, die ersten Computer, die ersten Smartphones oder Google. Heute ist es selbstverständlich, für die Recherche beim Verfassen von Hausarbeiten im Studium Suchmaschinen zu nutzen – und die Menschen denken immer noch eigenständig. Genauso verhält es sich bei Chat-GPT: Es kann helfen, unterstützen, optimieren, aber nicht ersetzen“, resümiert Kaufhold.

Fester Bestandteil des Alltags

Eine ebenfalls spannende Perspektive bringt Hahmann ein: „Früher in den 70ern gab es auch keine Taschenrechner in der Schule, ich kann aber heute niemandem mehr sagen, er solle bitte auf den Rechner verzichten, nur weil andere das damals mussten.“ Künstliche Intelligenz wird ein fester Bestandteil dieser Welt sein. Wie relevant dann beispielsweise noch das Erlernen von Rechtschreibregeln sei, könne heute noch nicht gesagt werden. Verwerflich sei die Entwicklung aber nicht, die Nutzung von KI mache sicherlich nicht dumm, betont der Experte. Sein Fazit: „Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen und Probleme, und die Generation davor denkt immer, sie habe es viel schwerer gehabt.“

Neben Bedenken dazu, ob KI ihre Nutzer mit Falsch­informationen füttert oder die Gesellschaft das Denken verlernt, haben viele auch Sorgen um ihre Daten. Hierzu gibt Hahmann schnell Entwarnung: „In den sozialen Netzwerken wird geteilt, wann man im Urlaub ist, ob man Nachwuchs bekommt, wie die Wohnung aussieht, auf Fotos sind Familie und Freunde zu sehen – dagegen ist Chat-GPT harmlos.“ Er rät zwar dazu, darauf zu achten, welche Informationen man an Chat-GPT weitergibt, hält aber nichts von Panikmache. Es seien ohnehin viele Daten von Smartphone-Besitzern oder Internetnutzern unterwegs, und sie werden meist für Werbung genutzt. Nüchtern stellt Hahmann fest: „Werbung bekommen wir sowieso. Dann kann diese doch auch für Produkte sein, die uns halbwegs interessieren.“

KI kann missbraucht werden

Ein Problem sieht Hahmann eher in einer missbräuchlichen Nutzung des Tools – beispielsweise, um Wahlen zu beeinflussen. Etwa wenn gefälschte Informationen, Videos und Bilder von Politikern veröffentlicht werden, die kaum von echtem Material zu unterscheiden sind. Unterm Strich raten beide Experten dazu, jede KI reflektiert und mit offenen Augen zu verwenden. Insbesondere im Privaten könne das richtig Spaß und das Leben ein bisschen leichter machen. Außerhalb vom privaten Rahmen sieht Hahmann unter anderem großes Potenzial für die medizinische Analyse: „Die KI kann auf Tausende Bilder und Diagnosen zurückgreifen und diese auswerten. Fehldiagnosen können vermieden und Krankheiten früher erkannt werden.“ Noch könne allerdings niemand die Fallstricke der Zukunft absehen. Hahmann: „Gerade im Bereich der KI-Robotik stellt sich die Frage, wie teuer das werden soll, und auch, wie gut das ressourcenseitig funktionieren würde.“ Also solle man sich erst einmal mit dem anfreunden, was ­aktuell da sei. Er rät: „Bei Chat-GPT anmelden und eine halbe Stunde in Ruhe ausprobieren – das ist der einfachste Weg, um KI kennenzulernen.“

Mehr aus dieser Reihe

Menü

Aktuelle Folgen