LOGO! goes retro

Episode anhören

Die Welt lebt digital, klickt, scrollt, streamt. Und doch wächst die Lust auf Analoges. Retro ist ein Manifest der Gegenwart: Es feiert das Unperfekte, das Zufällige, das Einmalige.

Sabine ist 44. Sie lebt in einem Altbauapartment in Aachen. Vor den Fenstern hängen Leinenvorhänge, auf einem Sideboard stapeln sich Plattenhüllen, aus einer Ecke ragt eine Bogenleuchte mit orangefarbenem Glas. Ihr Zuhause wirkt wie aus der Zeit gefallen – nicht museal, eher gemütlich. „Mich beruhigt es, wenn Dinge Spuren tragen“, sagt sie. Viele der Stücke hat sie auf Flohmärkten gefunden, darunter Mobiliar, Deko, Platten, Technik und Kleidung.

Vinyl ist wieder gefragt - bleibt aber ein Randphänomen.
Vinyl ist wieder gefragt – bleibt aber ein Randphänomen.

Auf dem hellblauen Plattenspieler dreht sich „The Tortured Poets Department“ von Taylor Swift – 2024 das meistverkaufte Vinyl-Album in Deutschland. 2023 wurden Schallplatten im Wert von über 140 Millionen Euro verkauft; die Einnahmen haben sich in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt. Auch Sabine liebt das Ritual, das mit der schwarzen Scheibe verbunden ist. „Vinyl fühlt sich nach einer bewussten Entscheidung an, und die Platten zwingen mich dazu, mir Zeit zu nehmen“, erklärt sie.

Um sie herum stapeln sich Klassiker wie „The Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd oder Alben von The Cure, daneben neuere Stimmen wie Linkin Park oder Billie Eilish. Für sie gehört auch das große Cover zum Erlebnis. Genau das schätzen viele Vinyl-Fans: Musik, die nicht im endlosen Stream verschwindet, sondern sichtbar bleibt. Momentan sind außerdem Sonder-Editionen voll im Trend, die das Sammeln noch schöner machen.

Sabines Liebe zum Alten zeigt sich nicht nur im Regal. Auf dem gläsernen Wohnzimmertisch liegt eine Polaroidkamera, ebenfalls ein Flohmarktfund. „In meinen 30ern fing das an. Ich hatte damals sogar eine wunderschöne Vespa“, erzählt sie lächelnd. „Dann kamen die Schallplatten – und jetzt bin ich bei der Analogfotografie gelandet.“ Ihr Retro-Leben habe sich Schritt für Schritt entwickelt, sagt sie. Auf die Frage, was sie daran begeistere, überlegt sie kurz und antwortet dann: „Es ist Nostalgie, klar. Aber auch ein bisschen Rebellion gegen den Einheitsbrei. Heute wirkt alles gleich, es ist die Ästhetik. Retro ist einfach schöner.“

Ikone auf zwei Rädern

Christoph Scherer ist Präsident des Vespa Clubs ­Aachen. Er besitzt gleich mehrere Vespas – in Grün, Blau, Schwarz und sogar in schrillem Orange. Für ihn ist der Roller kein Fortbewegungsmittel, sondern ein Lebensgefühl. Wer einmal mit einer Vespa zwischen Zypressen über endlose Landstraßen gefahren ist, hinein in kleine italienische Dörfer, wo die Uhren langsamer ticken, kennt das Gefühl. Es ist dieses einfache Glück, auf dem Dorfplatz anzukommen, den Roller abzustellen, sich ein Pistazieneis zu holen – und einfach da zu sein.

Die Vespa war von Anfang an mehr als nur ein Roller. 1946 ließ Enrico Piaggio ein Modell entwickeln, das günstig, robust und alltagstauglich sein sollte. Der erste Prototyp gefiel ihm nicht. Als er die überarbeitete Version sah, soll er ausgerufen haben: „Sieht aus wie eine Wespe!“ – und damit war die Vespa geboren. Heute gilt sie als Designklassiker, steht im New Yorker Moma und ist längst ein Symbol der Popkultur. In Filmen steht sie für Freiheit, Jugend und das süße Leben: Audrey Hepburn fuhr sie in „Ein Herz und eine Krone“, Matt Damon in „Der talentierte Mr. Ripley“, Pixar widmete ihr im Animationsfilm „Luca“ gleich eine ganze Geschichte. Und in der Serie „The Summer I Turned Pretty“ fährt Belly im Finale auf einer roten Vespa vor.

Weckt Erinnerungen: Der VW Bully
Weckt Erinnerungen: Der VW Bulli

Diese Sehnsucht nach der guten alten Zeit, nach Unbeschwertheit hat wieder Hochkonjunktur. Die Vespa ist Teil eines größeren Retro-Trends, der alles umfasst, was entschleunigt. In derselben Bildwelt taucht zum Beispiel der VW Bulli auf. Beide Ikonen erzählen vom Unterwegssein ohne Ziel, wecken Erinnerungen an Roadtrips mit Freunden, an Musik, die aus kleinen Boxen dudelt. Auch die Musik selbst ist Teil dieser Nostalgie, ebenso die analogen Filter, die Hochglanzbilder ein bisschen diesig und weniger perfekt wirken lassen. Es ist der Look einer Zeit, in der das Leben noch ohne Eile stattfand – genau das ist ihr Zauber.

Ein Diner wie aus den 50ern

Retro prägt heute auch die Innenstädte. Seit dem 30. August hat Aachen eine neue Anlaufstelle, die Erinnerungen an Kindheitstage weckt: Antons Milchbar am Büchel 34. Der Boden empfängt die Gäste mit einem Schachbrettmuster in Schwarz und Weiß, das an amerikanische Diner der 50er-Jahre erinnert. An den Wänden treffen Mintgrün und Cremeweiß aufeinander, über der Theke leuchtet in geschwungener Neonschrift „Antons Milchbar“.

Direkt daneben surrt die Softeismaschine, flankiert von einem Regal voller Toppings. Jede Ecke atmet Retro-Charme: die mintgrünen Bänke mit hohem Rücken, eingefasst von gerillten Wandpaneelen, die hellen Tische mit Metallkanten und die Hocker mit verchromten Sockeln. Wer hier Platz nimmt, taucht für einen Moment ab in eine Zeit, in der Softeis und Milchshakes mehr waren als nur Süßigkeiten – sie waren der Inbegriff von Leichtigkeit und Sommer.

Mekka für Plattenliebhaber

Auch die Musikszene hat ihr eigenes Retro-Refugium. Der Tam Tam Recordshop in der Aachener Franzstraße ist ein Treffpunkt für Musikliebhaber, DJs und Neugierige. Zwischen bunten Covern und mehreren Abhörstationen lässt sich entspannt stöbern, hören, fachsimpeln.  Seit 2015 führt Alexander von Mitzlaff den Laden, der bereits seit Jahrzehnten zur Aachener Szene gehört. Er hat das Sortiment erweitert – von einem elektronischen Schwerpunkt hin zu einer vielseitigeren Mischung.

Neben neuen Releases finden sich hier auch Second-Hand-Schätze: Klassiker von Bruce Springsteen, Billy Joel oder Raritäten aus Privatbeständen. Gemeinsam mit Lukas, der seit Jahren Teil des Teams ist, setzt er auf Qualität, Leidenschaft und Fairness. Die beiden kaufen bewusst bei kleinen Labels, unterstützen Independentstrukturen und kennen viele ihrer Künstler persönlich.

Ein paar Straßen weiter, etwa zehn Minuten zu Fuß ­entfernt, öffnet sich eine andere Welt: Franchipani. Seit 1979 ist der Kult­laden mit seiner Szene zu einem Kosmos auf knapp 200 Quadratmetern gewachsen. Innen: ein wilder Mix aus Dr. Martens, Rockabilly-Kleidern, Gothic-Accessoires, Punkshirts und Vintagejacken. Man flaniert zwischen den Stangen, hört Musik aus den Boxen. Alles wirkt ein bisschen anarchisch. Jeder Winkel trägt Spuren von Jahrzehnten der Subkultur.

Die Suche nach Stabilität

Retro ist kein kurzlebiger Hype, sondern ein Muster, das immer wiederkehrt – davon ist Oliver Wrede überzeugt. Er ist Professor für Interaktive Medien an der FH Aachen. Mal sind es Kassetten, mal Polaroids, mal klobige Vintagekonsolen. Der Rückgriff auf Klassiker taucht in verschiedenen Kontexten auf. Gerade in einer Zeit, die von KI-Hype und Dauerdigitalisierung geprägt ist, wirkt er wie ein Gegenmittel. Retro-Produkte erinnern an eine Epoche, in der Technik Knöpfe hatte, relativ leicht erklärbar war, harmlos und spielerisch wirkte.

Zurück in die Zukunft mit Retro-Podcasts

Nostalgie – der Traum vom besseren Gestern
Die Podcast-Episode zeigt, wie nostalgische Gefühle über aktuelle Schwierigkeiten hinwegtrösten können.

Ewig gestern
Ein Podcast über Retro-Spiele und Popkultur, Vergangenes und aktuell Gebliebenes.

Yps – der Retro-Podcast
Christian Kallenberg und seine Gäste blicken zurück auf die 70er, 80er und 90er.

Die Faszination liegt für Wrede daher nicht zuletzt in der Haptik. Knöpfe, Rädchen, Gehäuse aus Kunststoff oder Metall haben Gewicht, Widerstand, Trägheit. „Das Feedback echter Hardware schafft Vertrauen, weil es vorhersehbar ist“, sagt er. Digitale Interfaces dagegen täuschten dieses Moment lediglich vor – Retro bleibe unmittelbar. Man nimmt etwas in die Hand, drückt einen Knopf, die Funktion ist eindeutig. Ganz simpel.

Und auch eine soziale Komponente spielt eine wichtige Rolle. Walkman, Game Boy, Tamagotchi: Alle erkennen die Geräte sofort, viele verbinden besondere Erinnerungen damit. Solche Objekte schaffen Gemeinschaft und Identität, sie senden Signale von Beständigkeit und Widerstand gegen das ewige Next Big Thing. „Neu aufgelegt werden oft Dinge, die damals ihrer Zeit voraus waren“, erklärt Wrede.

Wenn sie heute wieder erscheinen, zeigt das, dass ihre kulturelle Bedeutung nicht verbraucht ist. Wichtig ist auch das visuelle Design. Gestaltung übersetzt Technik in strukturierte Handlungsräume, macht Funktionen sichtbar und lenkt die Aufmerksamkeit. Gute Gestaltung wirkt selbstverständlich und unaufdringlich. Designer greifen dabei gern auf Vertrautes zurück, damit Nutzer schnell verstehen, wie sie das Produkt verwenden können. „Das ist der Charme von Retro“, erläutert der Aachener Professor. „Es versucht nicht zwanghaft, neu zu sein, und ist genau deshalb glaubwürdig.“

Polaroid-Kameras sind nur nur retro, sondern auch nützlich.
Polaroid-Kameras sind nur nur retro, sondern auch nützlich.

Ein Beispiel zeigt, wie stark das Prinzip wirkt: Der iPod von Apple galt Anfang der 2000er-Jahre als modernes Hightech-Produkt der Zukunft. Seine geometrische Form mit dem runden Touchwheel war formalästhetisch eine Anleihe beim Braun-Radio T3 aus dem Jahr 1958: kreisrund, minimalistisch, selbsterklärend. Wer das Original nicht kannte, hielt den iPod für eine echte Designinnovation.

Technik mit Ecken und Kanten

Tatsächlich aber war er retro im besten Sinn: die Rückkehr zu einem Design, das sofort verständlich war. Die optische Einfachheit verringerte die Sorge, eine zu neuartige Technik vor dem Gebrauch zuerst verstehen zu müssen. Heute, erklärt der Experte, sei das Digitale so allgegenwärtig, dass wir es kaum noch wahrnähmen. Alles ist vernetzt und funktioniert im Hintergrund.

Genau deshalb fällt Retro auch so stark auf. Es hat Ecken und Kanten. Man sieht, wie es funktioniert, und das macht es beruhigend. „Retro ist keine Flucht zurück“, fasst Wrede zusammen, „sondern Ausdruck einer Sehnsucht nach Stabilität in einer Welt, die sich immer schneller verändert.“ Eine Studie des Hamburger Instituts Media Analyzer zeigt: Produkte mit Kindheitserinnerungen sind Kaufmagneten. Süßwaren liegen vorn – mehr als die Hälfte der Befragten verbindet Nostalgie mit Schokolade, Gummibärchen oder Brotaufstrichen. Ferrero dominiert mit Kinder-Schokolade und Nutella, dicht gefolgt von Haribo und Milka. Doch nicht nur Essen löst Rückblenden aus. Auch Lego, Nintendo und andere Spielzeugklassiker prägen das Kaufverhalten bis heute.

Besonders stark wirkt dieser Effekt bei Millennials und der Generation Z. Zwei Drittel der 18- bis 39-Jährigen sagen, dass Nostalgie ihre Kaufentscheidungen beeinflusse. Für ältere Generationen ist das weniger bedeutend. Auffällig ist auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Frauen kaufen häufiger nostalgische Produkte, nicht nur für sich, sondern auch für Partner und Kinder. So wirken sie als Multiplikatorinnen, die Erinnerungen über Generationen weitertragen.

Die psychologische Forschung zeigt zudem, dass die Nostalgie weit mehr kann, als nur Konsumlust zu wecken. Historisch galt sie lange als Krankheit: im 17. Jahrhundert als Nervenstörung, später als depressive Fluchtreaktion. Heute weiß man: Sie wirkt überwiegend positiv. Studien belegen, dass nostalgische Erinnerungen Einsamkeit senken, soziale Nähe fördern und das Selbstwertgefühl steigern.

Retro macht optimistisch

Nostalgie ist damit kein lähmendes Zurücksehnen, sondern eine Form der Selbstregulation. Wer an frühere Sommer, alte Lieder oder vertraute Menschen denkt, fühlt sich verbundener, optimistischer und geerdet. Die Neurowissenschaft liefert hierfür eine Erklärung: Erklingt vertraute Musik, aktiviert das den medialen präfrontalen Kortex – jenen Bereich, in dem autobiografische Erinnerungen gespeichert sind. Deshalb klingen Platten nach Sommerferien, nach Winterabenden auf dem Sofa oder nach Menschen, die uns geprägt haben.

Die Kulturwissenschaftlerin Svetlana Boym unterscheidet zwei Formen von Nostalgie. Die restaurative will eine vermeintlich heile Vergangenheit zurückholen, die reflektierende hingegen spielt mit Brüchen, Ironie und Ambivalenz. Genau hier siedeln sich Retro-Orte wie Antons Milchbar, der Tam Tam Recordshop oder Franchipani an: Sie holen nicht naiv die 50er-, 80er- oder 90er-Jahre zurück, sondern machen sie neu erlebbar – als gemeinsame Bühne, auf der Erinnerung, Stil und Gegenwart verschmelzen.

„Mehr als ein Roller“

Interview mit Christoph Scherer, Präsident des Vespa Clubs Aachen.

Christoph Scherer
Christoph Scherer

LOGO!: Sie besitzen mehrere Vespas. Was fasziniert Sie an diesen Rollern?

Christoph Scherer: Die Vespa ist für mich eine Stilikone. Sie steht für Freiheit und für die Wertschätzung der kleinen, schönen Dinge – und ja, auch ein bisschen für Nostalgie. Bei mir fing alles damit an, dass mich mein Cousin im zarten Alter von 13 Jahren auf seiner Vespa mitgenommen hatte.

LOGO!: Viele fahren alte Modelle. Was bedeutet Ihnen der Erhalt dieser Roller?

Scherer: Eine Vespa darf Gebrauchsspuren haben. Sie erzählt Geschichten, sie hat Charakter. Manche wurden restauriert, andere fahren sie mit ihrer Patina und allen Macken.

LOGO!: Warum ist die Vespa heute wieder so gehypt?

Scherer: Weil sie Emotionen weckt. Sie steht für ein Lebensgefühl, das in unserer schnellen Welt selten geworden ist. Die Vespa verbindet Generationen, sie ist retro und trotzdem zeitlos. Heute weinen viele ihren Vespas nach, die wurden früher viel zu billig verkauft.

LOGO!: Was unterscheidet Vespa-Fahren von Motorradfahren?

Scherer: Motorradfahren kann jeder, aber Vespa-­Fahren ist anders. Man fährt nicht einfach, man genießt. Man ist im Moment, ganz im Hier und Jetzt.

LOGO!: Wie sieht Aachens Vespa-Community aus?

Scherer: Bunt gemischt: Ärzte, Professoren, Handwerker, Studierende. Manche Roller sind seit Generationen in Familienbesitz, andere wurden neu gekauft. Es wird geschraubt, gelacht, gefachsimpelt. Vespa-Fahren heißt Gemeinschaft erleben. Das verbindet.

Fotos: Adobe Stock, ChatGPT, iStockphoto, Scherer

Mehr aus dieser Reihe

Menü

Aktuelle Folgen